Weide: Baum der Unsterblichkeit

Aktualisiert: März 29


Alte Weiden am Teichrand

Eine Weide ist nicht totzukriegen - im wahrsten Sinne des Wortes! Der Baum steht oft am Wasser oder im Morast. Das weiche Holz wird schnell faul und morsch- aber ebenso schnell treibt die Weide immer wieder aus, egal wie häufig man sie stutzt. Die abgebrochene Zweige müssen nur in nassen Boden gesteckt werden und schon schlagen sie Wurzeln. Sogar abgeschlagene, dickere Aststücke können auf dem Boden liegend von sich aus wieder austreiben.


Es gibt über 450 Weidenarten, vom 30 Meter hohen Baum über die Korkenzieherweide bis zu kleinen Zwergformen. Weiden sind, vergleichbar mit Birken, ausgesprochene Pionierpflanzen. Abgesehen von Feuchtigkeit haben sie keine großen Standortansprüche. Ihr durch den Wind verbreiteter Same keimt bei guten Bedingungen innerhalb von 24 Stunden. Die Pflanzen können unter günstigen Umständen im ersten Jahr 0,3 bis 1 Meter Höhe erreichen. Da sie den Boden schnell durchwurzeln, werden sie auch sehr gerne an Flussböschungen zur Stabilisierung des Bodens gepflanzt. Für Wildbienen und andere Insekten sind die Bäume mit ihrer früh erblühenden Kätzchenpracht schon ab März oft die ersten wertvollen Futterpflanzen.



Weiden gehören übrigens zu den sogenannten zweihäusigen Pflanzen (Ausnahme Trauerweide). Sie haben eine weibliche und eine männliche Form an jeweils unterschiedlichen Bäumen.. Es gibt zwei verschieden geformte Kätzchen: dicke, eiförmige mit gelbsilbrigem Flaum, welche die männlichen Staubbeutel enthalten und walzenförmige, grünlich gefärbte, die die weiblichen Naben tragen.


Der Name "Weide" kommt vom indogermanischen Wortstamm "uei", genau wie die Wörter, weich‘ und ‚Weib‘. Weide bedeutet so viel wie biegsam. Die Weide ist also ein weiblicher Baum. Als Sinnbild der im Frühling wiedererwachenden Natur war die Weide in vielen Kulturen einer Fruchtbarkeitsgöttin zugeordnet. Weiden galten als heilende Bäume, mit der Fähigkeit, Unheil und Krankheit durch einen Zauberspruch auf sich zu nehmen. Man stellte sich in die hohlen Weidenstämme und "verbannte" seine Krankheit (vor allem Gicht, Fieber) mit Gebeten. Die Kelten feierten das Fest der Wiedergeburt der Natur zur Zeit der Weidenblüten und steckten Weidenzweige in die Erde der Felder, um deren Fruchtbarkeit zu erhalten. Immer wieder wurde die Weide auch mit Zauberei und der Unterwelt in Verbindung gebracht. Ihren oft hohlen Stamm sah man als Eingang zur Unterwelt., - als Verbindung von Wasser und Land, Sterben und Geburt. "Zauberstäbe" waren oft aus Weidenholz - so wie auch die Stäbe von Lily Potter und Ron Weasley in den Harry-Potter-Büchern. Mit der Christianisierung in Europa wandelte sich das Bild der Weide, sie wurde nun zum "Hexenbaum", dem man viel Unheil andichtete. In den Hochzeiten der Hexenverfolgung war es für Frauen sogar tendenziell gefährlich, zu oft in der Nähe von Weiden gesehen zu werden. Gleichzeitig hielt man die Weide aber auch für einen "jungfräulichen" Baum weil er sich fortpflanzte ohne erkennbar Früchte zu tragen. Darum pflanzte man, zur Linderung der Lust und Unkeuschheit, in Klostergärten die Weide an und junge Männer steckten sich Weidenzweige ans Revers.


Die heilenden Kräfte der Weide gibt es aber tatsächlich. Ihre Rinde wird nicht umsonst als "Europäische Fieberrinde" bezeichnet. Weidenrinde enthält Wirkstoffe, die sich mit den Inhaltsstoffen des Schmerzmittels Aspirin vergleichen lassen. In der Volksmedizin wurden Weidentinkturen und Tees immer schon bei Erkältung, Fieber, Kopfschmerzen und Entzündungen aller Art eingesetzt.


Traditionell werden Weidenruten für die Korb- und Zaunflechterei genutzt. Aus diesem Grund gibt es auch die Kopfweiden. Diese wurden regelmäßig für den erneuten Ausrtieb dünner Ruten gestutzt und entwickelten so die charakteristische Kopfform. Das kann man heute nur noch selten sehen, denn ohne den Schnitt gibt es keine Kopfform. Die Korbflechterei wird bei uns nur noch sehr selten betrieben und deshalb nimmt die Zahl der Kopfweiden rapide ab. Ohne Schnitt, keine Kopfweide.


Kopfweide am Wegesrand


Auf den Natur-Zeitlinien unserer Homepage wildnisbotin.de haben wir ein Jahr lang die jahreszeitliche Entwicklung eines Weidenhains in der Frankfurter Stadtnatur des Berger Nordhangs dokumentiert. Diese Bilder entstanden dabei im Jahresverlauf.

(Bild anklicken um das nächste zu sehen)



Weitere Natur-Zeitlinien gibt es hier.


Obwohl Weiden normalerweise höchstens 80 Jahre alt werden, gehören sie mit ihrer großen Anspruchslosigkeit und den enormen Ausschlagkräften zu den Überlebensspezialisten im Pflanzenreich. Hinzu kommt ihr Wert als Futterlieferant für die Insektenwelt. Mit ihrer groben Rinde und dem weichen Holz ist sie ein idealer Nahrungs- und Wohnbaum für an Baumstämmen lebende Vögel. Eine Weide sollte in keinem naturnahen Garten fehlen.

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