Parasit oder unterschätztes Multitalent? Eine Hommage an den Baumpilz

Aktualisiert: vor 5 Tagen



Die bizarre Vielfalt ist geradezu überwältigend: man findet sonnengelbe, lilafarbene, blass-gräuliche, olivgrüne, leuchtend orangene, filzartige, ledrige, gallertartige, lappenartige, eierschalenförmige, klitzekleine und tellergroße Gewächse an den Bäumen, Wurzeln oder totem Holz. Manche von ihnen sind mit dichtem Moos bewachsen, mit Gräsern oder gar Farnen, kleine Mikrokosmen, die an die Rinde geheftet scheinen.

Gemeint sind sogenannte Baumpilze, das sind Pilze, die Holz besiedeln und abbauen. Wissenschaftlich werden sie als lignicole Pilze (lat. Lignum Holz) bezeichnet.


Dass dieses wunderliche Gebilde am Baum, das wir gewöhnlicherweise für den Pilz halten gar nicht der eigentliche Pilz ist, sondern nur der sogenannte Fruchtkörper des Pilzes und der eigentliche Pilz weit verzweigt im Holz lebt, ist uns meist überhaupt nicht bewusst.

Ein Baumpilz besteht nämlich aus einem Fruchtkörper (das, was wir am Baum wachsen sehen) und dem Myzel, dem Pilzgeflecht. Das Myzel ist der eigentliche Pilz! Das, was wir als Pilz bezeichnen, was wir an Ästen, Stämmen, Wurzeln und Baumstümpfen sehen können, ist in Wirklichkeit nur der Fruchtkörper des Baumpilzes. Der Fruchtkörper dient ausschließlich der Fortpflanzung und verstreut seine Sporen durch Käfer und den Wind.


Das Pilzgeflecht hingegen wächst oft jahrelang verborgen im Baum. Es wächst von den Wurzeln des Baumes hoch in den Stamm oder vom Ast in den Stamm herunter. Erst wenn das Myzel, der eigentliche Pilz also, durch eine Verletzung der Rinde mit Luft in Berührung kommt, entsteht der Fruchtkörper des Pilzes, den wir dann zu sehen bekommen.

Bis Fruchtkörper sichtbar werden, kann es teilweise viele Jahre dauern, während nicht sichtbar im Inneren des Baumes der Abbau des Holzes unentwegt fortschreitet.


Für die Statik der Bäume haben Baumpilze eine große Bedeutung. Von außen gar nicht zu erkennen, wachsen Baumpilze oft lange Zeit im Inneren eines Baumes heran und es kann Jahrzehnte dauern, bevor sich die ersten Fruchtkörper bilden. So kann ein Baum also schon lange, bevor dieses von außen zu sehen ist, seine Stabilität verlieren, weil das Myzel das Holz nach und nach von innen zersetzt.


Bei den Baumpilzen wird unterschieden zwischen den Pilzen, welche die sogenannte Braunfäule erzeugen und denen, die Weißfäule erzeugen.

Baumpilze, die Braunfäule erzeugen, zersetzen die Zellulose und zerstören die Faserstrukturen im Holz. Das Ergebnis: Das Holz wird brüchig, trocken und verfärbt sich braun. Zu den Braunfäulepilzen gehören der Birkenporling, Eichen-Wirrling, Schwefelporling, der Rotrandige Baumschwamm und der Zaunblättling, um nur mal einige Arten aufzuzählen.

Ebenso gibt es Baumpilze, die Weißfäule erzeugen. Sie bauen neben anderen Stoffen auch den Holzklebstoff Lignin ab. Das Holz wird weiß und zerfasert. Übrig bleibt Zellulose, die sich in der Hand geradezu watteartig weich anfühlt. Zunderschwamm und Hallimasch sind welche von den bekannteren Pilzen, die Weißfäule verursachen.



Doch so zerstörerisch wie die Baumpilze jetzt vielleicht erscheinen, sind sie gar nicht, ganz im Gegenteil. Für gewöhnlich stehen Baumpilze und Bäume in einer wechselseitigen Beziehung. Jeder benötigt etwas vom anderen. Pilze benötigen für ihren Stoffwechsel Nährstoffe von anderen lebenden oder abgestorbenen Organismen. Denn im Gegensatz zu den Pflanzen sind Pilze grundsätzlich nicht in der Lage, Photosynthese zu betreiben und damit ihre Lebensenergie aus dem Sonnenlicht zu gewinnen.

Der Baum wiederum benötigt ebenso Nährstoffe, die er aus dem Boden bezieht. Doch seine Wurzeln reichen oft gar nicht so weit aus, um an alle Nährstoffe zu gelangen. Da spielt nun der Pilz eine wichtige Rolle.

Das Myzel, also das Wurzelgeflecht der Pilze, ist nämlich in der Lage, riesige Bodenflächen zu erschließen und sich je nach Pilzart über mehrere Kilometer zu erstrecken. Es entsteht ein dichtes, sehr feines Geflecht, das fast alle Orte im Boden besiedeln kann. Das Pilzmyzel kann deutlich mehr Nährstoffe aufnehmen als der Baum. Davon profitiert der Baum, er bezieht Nährstoffe über das Pilzgeflecht. Der Baumpilz wiederum bezieht Zucker und Kohlehydratverbindungen über den Baum.


Tatsächlich sind viele Baumarten auf die Lebensgemeinschaft mit Pilzen regelrecht angewiesen. Heute weiß man, dass Pilze in der Lage sind, Bäume der gleichen Art oder sogar verschiedene Arten miteinander zu vernetzen und so ein ausgedehntes Netzwerk zu schaffen, welches sich gegenseitig mit Nährstoffen versorgt. Durch die Symbiose kann der Baum nicht nur mehr Nährstoffe aufnehmen, die Lebensgemeinschaft mit dem Pilz steigert auch seine Fotosyntheseleistung. So kann der Baum besser wachsen, was wiederum dem Pilz zugutekommt.


In ihrer vielschichtigen Komplexität sind Pilze noch lange nicht erforscht. Vergleicht man Pilze mit den Pflanzen, fehlen Pilzen die spezifischen botanischen Merkmale wie Blätter, Samen und Früchte. Hingegen besitzen sie Zellwände, die im Gegensatz zu Pflanzen nicht aus Zellulose, sondern aus Chitin bestehen. Chitin ist auch im Panzer von Schalentieren, Insekten und Spinnen enthalten. Dies bringt sie übrigens den Tieren näher als den Pflanzen.

Auch ernähren sich Pilze wie die Tiere von organischen Nährstoffen ihrer Umgebung, die sie meist durch Abgabe von Enzymen aufschließen und dadurch löslich und für sich verfügbar machen.

Eine weitere Gemeinsamkeit mit den Tieren ist, dass beide Glykogen als Speichersubstanz bilden, während Pflanzen Stärke bilden.

Nach heutigen Erkenntnissen nimmt man an, dass der gemeinsame Vorfahre der Pilze und der Tiere wahrscheinlich ein begeißelter Einzeller war, der vor rund einer Milliarde Jahren gelebt hat. Man vermutet, dass die Pilze schon vor den Pflanzen das Wasser verlassen und das Land besiedelt haben.


Doch Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere, sondern eine eigene Lebensform – nämlich Fungi, so lautet der lateinische Name für Pilze.

Bisher sind erst 120 000 Pilzarten bekannt und wissenschaftlich beschrieben. Dies entspricht nur etwa drei bis acht Prozent der geschätzten Pilzvielfalt weltweit.

Man geht heute von 1.500.000 verschiedenen Arten von Pilzen aus.

Im Vergleich dazu: Von den Säugetieren gibt es kaum mehr als 4000 Arten. Und was die Pflanzen betrifft, da übertreffen Pilze die Vielfalt der Pflanzen um das Sechs- bis Zehnfache.


Baumpilze sind also keineswegs zerstörerische Parasiten, welche die Bäume befallen und solange von innen her zersetzen, bis sie tot umfallen. Baumpilze befallen sogar bevorzugt kranke oder bereits geschwächte Bäume. Auch bauen sie totes Holz ab und sorgen damit für einen natürlichen Zersetzungsprozess im Wald.

Wie Bakterien sind die Pilze hervorragende Resteverwerter. Sie zersetzen organisches Material und bilden den Humus, die Grundlage für jedes Pflanzenwachstum. Ohne die Arbeit der unzähligen Pilzarten würden unsere Ökosysteme schlichtweg an den Unmengen von organischen Stoffen ersticken.


Ein Grund mehr also, beim nächsten Waldspaziergang auf die bizarren Gebilde an den Bäumen zu achten und ihnen den gebührenden Respekt zu zollen, den sie wirklich verdienen.







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