Neuntöter, Singvogel oder Greifvogel?

Aktualisiert: 26. Nov 2020


Kürzlich hatte ich Gelegenheit das "Städte wagen Wildnis"-Projektgebiet am Monte Scherbelino im Frankfurter Stadtwald zu besuchen. Auf den dortigen Sukzessionsflächen fielen mir sofort einige Neuntöter auf. Das nehme ich zum Anlass, ein wenig wissenswertes über diesen sehr interessanten Vogel zu berichten:

Auf den Streuobstwiesen, an Waldrändern und Brachflächen mit Heckengehölzen im Frankfurter Raum kann man zwischen April und September den Neuntöter beobachten. Ein Vogel mit schwarzer "Zorro-Augenmaske", dessen Verhalten und Aussehen an einen kleinen Greifvogel erinnert, der aber definitiv ein Singvogel ist.

Neuntöter gehören zur Familie der Würger mit weltweit 64 Arten und drei Vertretern in Deutschland (Neuntöter sowie die sehr seltenen Rotkopf- und Raubwürger). Der seltsam klingende Familienname hängt damit zusammen, dass diese Vögel unverdaute Nahrungsreste in Form von kleinen Gewöllen hochwürgen und ausspeien, bevor sie neue Nahrung aufnehmen.

Der hübsche Neuntöter hat viele Namen: Neunmörder, Dorndreher, Engelswürger, Rotrückenwürger. Er verdankt seine martialischen Namen einer besonderen Art der Vorratshaltung. Ein Teil seiner Beute (große Insekten, Reptilien, Amphibien, kleine Säugetiere und Vögel) wird von ihm auf Dornen oder Stacheldraht gespießt . Früher glaubte man, dass er zuerst Neun Tiere erbeutet, bevor er eines frisst. Das gehört ins Reich der Sage. Dennoch ist das Aufspießen ein typisches Beuteverhalten des Neuntöters. Er nutzt dies nicht nur zur Vorratshaltung, sondern auch um die Beute bequemer zu bearbeiten und zu zerlegen.

Der Neuntöter-Speiseplan besteht aus Fluginsekten, großen Käfern, Spinnen, Heuschrecken, Eidechsen, Mäusen und manchmal auch Kleinvögeln. Neuntöter sind geschickte Fluginsektenjäger und erhaschen ihre Beute von einer Sitzwarte aus, entweder im Flug oder am Boden. Sogar Blindschleichen, die größer sind als der Neuntöter selbst. findet man zuweilen in seinem Nahrungsdepot. Der nur 18 cm große Singvogel ernährt sich wie ein Greifvogel und besitzt auch einen sogenannten Falkenzahn, einen seitlichen Zacken im Oberschnabel, zum töten und zerlegen der Beute.


Neuntöter sind die in Mitteleuropa häufigste Würgerart. Ihr Bestand in Deutschland ist aktuell ungefährdet. Allerdings sind sie ein wichtiger Indikator für Biodiversität in Flora und Fauna, denn sie überleben nur dort, wo es reich strukturierte Heckenlandschaften und extensiv genutzte Flächen mit großer Artenvielfalt gibt. Neuntöter sind damit Botschafter einer ökologisch intakten Kulturlandschaft!

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