Filigrane Spitzenleistung: Die Wilde Möhre



Gäbe es in der Natur eine Spezial-Abteilung für feines Kunsthandwerk, dann wäre die Wilde Möhre eines ihrer Spitzenprodukte. Nicht umsonst ist ihr englischer Name "Queen Anne’s lace” ( Königin Annes Spitzendeckchen). Die zarten weißen Blütendolden setzen sich aus hunderten winziger Einzelblüten zusammen. Es heißt, die Betrachtung dieser Blütenschirme schärfe die Konzentration und könne uns beim Blick auf das Wesentliche unterstützen. Wer sich einmal die Zeit nimmt und die Blüte mit einer Lupe inspiziert, wird verstehen, was damit gemeint ist.

Wilde Möhren gehören zur Familie der Doldenblütler. Sie gelten als eine von drei Urformen unserer Kulturmöhren. Sowohl Wurzeln als auch Blätter haben, durch ihre ätherischen Öle, einen leichten Karottengeschmack. Die weißlichen Wurzeln enthalten zwar kein ß-Carotin, sind aber dennoch sehr vitamin- und nährstoffhaltig. Vom Altertum bis ins Mittelalter wurde die Pflanze als Heilmittel für verschiedene Beschwerden genutzt, geriet dann aber in Vergessenheit. Nachweisbar hat sie eine positive Wirkung auf den Blutzuckerspiegel, ist gut für die Harnwege und wirkt beruhigend auf das Magen-Darm-System.


Der Name Wilde Möhre leitet sich übrigens keineswegs von der Verwandtschaft mit der orangefarbenen Kulturmöhre (Karotte, Gelbe Rübe) ab. Vielmehr geht er auf die so genannte "Mohrenblüte" der Blütenschirme zurück. Diese befindet sich als schwärzlicher Punkt in der Mitte und täuscht ein Scheininsekt vor. Die Pflanze lockt damit Insekten an, indem sie vortäuscht, dass schon andere Bestäuber zu Besuch sind. Eine anscheinend gute Strategie, denn die Wilde Möhre ist der Liebling vieler Insekten. Insbesondere kurzrüsselige oder rüssellose Exemplare, wie Käfer und Fliegen, profitieren von den kleinen, flachen Blüten. Für viele Schmetterlinge, wie zum Beispiel den Schwalbenschwanz, ist die Pflanze ein begehrter Platz zur Eiablage und Nahrungsangebot für den Nachwuchs.

Die bis zu einem Meter hohen, zweijährigen Wilden Möhren bevorzugen eher trockene Standorte an Wegesrändern, auf Brachflächen, Bahnhofsgeländen und Wiesen. Sie blühen unermüdlich von Juni bis September. Vor und nach der Blüte rollt sich die Dolde ein, und bildet eine Art Nest. Wenn die Samen ausgereift sind, öffnet sich das Nest und gibt die Samen frei. Diese bleiben dann bis zu 40 Jahre keimfähig.


Beim nächsten Sommerspaziergang lohnt es sich also wirklich, einmal einen genaueren Blick auf diese so alltäglich erscheinende Pflanze zu werfen. Wer eine gute Lupe besitzt, sollte diese mitnehmen, um das feine Handwerk von Königin Annes Spitzendeckchen im Detail betrachten zu können.

  • Pinterest
  • Facebook Social Icon
  • Instagram
  • Twitter Social Icon

©2019-2020  Alle auf dieser Homepage veröffentlichten Bilder und Texte dürfen nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung von wildnisbotin.de von Dritten verwandt werden.