1x Birding und retour



Bird Race, nur was für Profis? Na, das wollen wir doch mal sehen. Vom Bird Race hatte ich viel gehört, aber so richtig konnte ich mir nichts drunter vorstellen.

Vor meinem inneren Auge sah ich tarnfarbenbekleidete Vogelbesessene auf Vogeljagd gehen und das schon mitten in finsterster Nacht, um möglichst viele Vogelarten sehen oder hören zu können.


Doch was ist denn eigentlich dieser ominöse Bird Race? Organisiert wird der einmal jährlich im Mai stattfindende Bird Race vom DDA, dem Dachverband Deutscher Avifaunisten, ein Zusammenschluss aller landesweiten und regionalen ornithologischen Verbände in Deutschland.

Beim Bird Race geht es neben weiteren Wettbewerbskategorien darum, alleine oder im Team an einem Tag möglichst viele Vogelarten zu sichten. Gezählt werden also nur die Vogelarten und nicht die Vogelanzahl.

Nun denn, das sollte für mich genau die richtige Herausforderung sein.


Schnell stand unser Vierer-Team fest: Silke Hartmann, begeisterte „Vogelguckerin“ aus Göttingen (www.vogelguckerin.de), Johanna Romberg, Journalistin und Buchautorin (u.a. „Federlesen“) aus der Lüneburger Heide bei Hamburg, Anna K. Miesmer, Meereswissenschaftlerin und Naturführerin im Wattenmeer (www.wattenmeer.de) und ich im Namen der Frankfurter Wildnisbotinnen (www.wildnisbotin.de). Unser Teamname „Las Divas Spektivas“ wurde von allen konkurrenzlos abgenickt, vier Frauen, die mit Enthusiasmus an den Start gingen. Entsprechend wurde auch unser Teamfoto entworfen. Der Spaß am Bird Race sowie die Begeisterung für die Vogelwelt hatte schließlich für uns Vorrang.


Was ist nun überhaupt zu tun, außer Stift und Fernglas packen und nichts wie losstürmen? Halt, stopp, mal langsam: ein guter Plan ist hier äußerst wichtig. In welche Ecke lohnt es sich überhaupt zu fahren, wo sind die meisten Vogelarten zu erwarten, zu welcher Tageszeit kreuze ich dort am besten auf und nicht zuletzt: Wie komme ich eigentlich dort hin?

Für mich stand gleich fest: Ich wollte die ganze Strecke mit dem Rad abfahren. Am Vorabend also Rucksack gepackt, Akkus zum xten Mal gecheckt, Speicherkarten kontrolliert, Kleidung rausgelegt, Proviant vorbereitet, Wecker gestellt (gezählt werden die Vögel ab 5 Uhr morgens).


Natürlich war ich in aller Herrgottsfrühe wach und war so aufgeregt, als würde ich alleine auf Weltreise gehen.


Es sollte noch kalt sein, als ich das Haus verließ. Bodenfrost, die Wiesen aufgepeppt mit wundervoll kristallinem Raureif. Mich empfing das morgendliche Amselkonzert, dazwischen mischten auch die Rotkehlchen mit. Gleich begann ich mit dem Zählen und hatte schnell die üblichen Verdächtigen in petto: Kohlmeise, Blaumeise, später kamen auf dem Weg noch Elster, Rabenkrähe und Eichelhäher dazu.



Mein erstes Ziel war die Streuobstwiese „Heiligenstock“ mit großflächigem Magerrasen, Weißdorn- und Brombeerhecken. Früh morgens sollte hier einiges los sein und ich wurde nicht enttäuscht. Neben einem äußerst stimmungsvollen Sonnenaufgang empfingen mich diverse Vogelarten dieses speziellen Lebensraumes, so z.B. verschiedenste Arten von Grasmücken. Ich hatte mir die Liste mit Vogelarten ausgedruckt und kreuzte nun jede gehörte oder gesehene Art einfach an. Trotz aufgehender Sonne war es so kalt, dass meine Hände bald sehr klamm waren. Ein neugieriger Fuchs ließ mich das vergessen, Vogel hin oder her, einen Fuchs sieht man schließlich nicht alle Tage.


Dann aber nichts wie los zum nächsten Zwischenstopp. In einem Park erwartete ich die Misteldrossel, die glücklicherweise an diesem Morgen auch bereitwillig für mich sang.

Schon gings weiter, ich hatte keine Zeit zu verlieren. Der nächste Stopp war der Frankfurter Hauptfriedhof.


Dort plante ich den Kolkraben zu erwischen sowie den Habicht, zwei Arten, die man nicht gerade an jeder Ecke antrifft. Und sie ließen auf sich warten. Warten gehört übrigens zum Bird Race. Ohne genug Geduld ist bei dieser Veranstaltung nicht viel Start zu machen.


Doch ich sollte Glück haben. Das Habichtmännchen zeigte sich und fütterte die Jungvögel am Horst. Was für eine Freude überkam mich. Der Kolkrabe rief schließlich auch noch und ich konnte neben Haubenmeise, Wintergoldhähnchen und Kleiber zufrieden den nächsten Stopp anfahren.



Nun lag ein ganz anderes Habitat vor mir, das Naturschutzgebiet „Alter Flugplatz“ Bonames mit einem Stillgewässer und Schilfbestand, an dem Flüsschen Nidda gelegen.

Und siehe da, die Rohrweihe zeigte sich gnädig und flog ein paar majestätische Runden über dem Gewässer, als ich mich mit meinem Fernglas vor dem Schilf postierte.


Auch der Teichrohrsänger sang munter vor sich hin. Langsam hatte ich die üblichen Vögel alle erwischt. Nun gings ans Eingemachte. Wo waren noch weitere Vogelarten zu finden? Eisvogel fehlte mir noch. Und den gab es hier, das wusste ich. Also wieder Geduld walten lassen.


Dann ertönte sein hoher Pfeifton. Und schon flitzte ein kobaldblauer Blitz über das Stillgewässer hinweg. Selten habe ich mich so gefreut über sein Erscheinen wie heute.

Schnell notierte ich auch noch paar Wasservögel wie Teichhuhn, Graugans sowie Nilgans.



Nun ging es weiter zum Berger Nordhang, einer Streuobstwiese mit alten Obstbäumen am Vilbeler Wald.

Dort wollte ich den Steinkauz erwischen und meine erste Rast einlegen. Inzwischen war es wärmer geworden, die Sonne strahlte. Der perfekter Tag für den Bird Race.

Da ich schon viele Kreuzchen auf meiner Vogelliste hatte, wurde es langsam immer schwieriger. Goldammer kam noch hinzu, Gartenrotschwanz. Doch der Steinkauz blieb still. Auch der Mittelspecht blieb ruhig, ganz zu schweigen vom Schwarzspecht und dem Pirol, die hier auch manchmal zu hören oder gar zu sehen sind.


Die Pause bot eine willkommene Gelegenheit, sich im Team auszutauschen. Fotos wurden hin- und hergeschickt, manch eine Vogelart noch bestimmt. Was gabs bereits für gesichtete Highlights, was fehlte noch?



Doch viel Zeit blieb nicht und ich radelte rasch weiter. Ich fuhr zum nächsten Habitat, dem Enkheimer Ried, ein Naturschutzgebiet mit einem See, Schilfbestand und vielen alten Streuobstwiesen.


Inzwischen war es Frühabend geworden, meine Beine wurden vom vielen Radfahren immer schwerer. Und dann hörte ich den ersehnten Ruf: „Kuck kuck, kuck kuck!“ Wie sehr freute ich mich, hier auch den Kuckuck zu hören. Kurz später ertönte auch noch der wundersame Gesang des Pirols. Also hatte sich die weite Strecke doch sehr gelohnt.


Es sollte bald dunkel werden und so viele neue Vogelarten hatte ich voraussichtlich nicht mehr zu erwarten. Die Abendstimmung war verführerisch. Die Vögel sangen laut von allen Seiten. Plötzlich vernahm ich die katzenartigen Rufe eines Steinkauzes aus der Dunkelheit. Was für ein Glück durchfuhr mich, den Steinkauz doch noch anzutreffen.

Und als ob das nicht genug war, machten die faszinierenden Töne eines Feldschwirl aus dem Röhricht noch auf sich aufmerksam. Welch eine Überraschung zu dieser späten Stunde, zumal ich den Feldschwirl noch nie zuvor gehört hatte.


Rundum befriedigt machte ich mich auf den Heimweg, hatte ich schließlich noch eine ganz schöne Strecke zurückzulegen. Aber was tut man nicht alles für 1x Birding und retour.


Ein spannender und ereignisreicher Tag ging für mich zuende. Und für alle vom Team „Las Divas Spektivas“ war schon am gleichen Tag klar: 2022 sind wir natürlich wieder dabei.









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